Zusammenfassung zeigen Zusammenfassung verbergen
- Wie ein Schaden überhaupt erkannt wird
- Ortung auf See: Messung, Sonar, dann greifen
- Reparatur an Bord: schneiden, spleißen, versiegeln
- Dauer und Grenzen von Reparaturen
- Verfügbarkeit der Flotten und logistische Hürden
- Ursachen, Risikoabschätzung und politische Reaktionen
- Schutzkonzepte jenseits von Militärpräsenz
- Was bedeutet das für Nutzer und Politik?
Die jüngsten Beschädigungen von Seekabeln in der Ostsee haben die Fragilität einer unsichtbaren, aber für unsere Gesellschaft zentralen Infrastruktur offengelegt. Ein Gespräch mit Jonas Franken von der TU Darmstadt erklärt, wie Störungen entdeckt und behoben werden – und welche Lehren aus den Vorfällen folgen sollten.
Jonas Franken arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter und promoviert am Lehrstuhl für „Wissenschaft und Technik für Frieden und Sicherheit“ (PEASEC) der TU Darmstadt. In seinem Fokus steht die Widerstandsfähigkeit kritischer Informationsinfrastrukturen an Land und auf See; früher diente er bei der Marine und war in der zivilen Seenotrettung aktiv. Dieses Interview wurde ursprünglich am 10. Februar 2025 geführt und wird angesichts aktueller Ereignisse erneut veröffentlicht.
Wie ein Schaden überhaupt erkannt wird
Tomb Raider-Remaster spaltet Fans: KI-gestaltete Outfits ziehen Ärger auf sich
AliExpress Jubiläumsaktion: jetzt Gutscheine nutzen und bis zu 100 € sparen
Schon an Land lässt sich oft eingrenzen, wo ein Unterwasserkabel Schaden genommen hat. Betreiber nutzen dafür das Prinzip der **Rückstreuung**: Defekte an Glasfasern reflektieren Licht ins Kabel zurück, wodurch sich ein grober Abschnitt zwischen den Repeatern ausmachen lässt. Repeater sitzen in regelmäßigen Abständen – typischerweise einige Dutzend Kilometer.
Es gibt zwei grundsätzliche Schadenstypen: Beim sogenannten Shunt Fault sind die elektrischen Leiter betroffen, die Glasfasern selbst jedoch intakt. Solche Störungen entstehen häufig durch Schleppnetze und führen nicht immer sofort zum Ausfall. Einen komplett durchtrennten Kabelstrang erzeugt meist ein starkes, plötzliches Signalverhalten – typisch bei Ankerschäden.
Ortung auf See: Messung, Sonar, dann greifen
Zur präzisen Lokalisierung fahren Reparaturschiffe zum vermuteten Bereich und nutzen mehrere Verfahren. Ein stromdurchflossenes Kabel erzeugt ein messbares elektromagnetisches Feld; Brüche verändern dieses Feld abrupt. Ergänzend hilft Sonar, um frische Spuren auf dem Meeresgrund zu erkennen.
Ist der Schaden eingegrenzt, kommt ein Bergungsgerät zum Einsatz, das über den Meeresboden gezogen wird und das Kabel fassen kann. An Bord wird das gefasste Ende hochgezogen, geprüft und für den weiteren Arbeitsablauf aufbereitet.
Bei komplizierten Topografien mit mehreren Leitungen in kurzer Distanz helfen Seekarten und engere Suchmuster, damit nicht versehentlich ein falsches Kabel geborgen wird.
Reparatur an Bord: schneiden, spleißen, versiegeln
Ein geborgenes Kabelende ist meist deformiert. Die beschädigten Abschnitte werden zurückgeschnitten, bis wieder ein brauchbares Ende bleibt. Je nachdem können dabei mehrere hundert Meter abgetrennt werden. Das intakte Ende wird vorübergehend gesichert, oft an einer Boje, während das Gegenende gesucht und ebenfalls geborgen wird.
Zur Wiederherstellung wird ein Ersatzstück angesetzt und mit den Glasfasern verschmolzen – ein präziser Prozess, der in staubfreien Reinräumen an Bord erfolgt. Moderne Kabel enthalten immer mehr Fasern; ein Reparaturvorgang dauert daher länger bei neueren Systemen (bis zu 144 Fasern) als bei älteren (einige Dutzend).
Das eingesetzte Reparatursegment ist deutlich länger als die Wassertiefe und wird in einer Schleife auf dem Grund abgelegt, um die mechanische Belastung zu reduzieren.
Dauer und Grenzen von Reparaturen
Reine Arbeitszeit für den Spleiß und die Wiederherstellung liegt typischerweise im Bereich von ein bis zwei Tagen, sofern das Reparaturschiff bereits vor Ort ist. Der zeitliche Engpass entsteht weniger beim Bergen als in der aufwendigen und personalintensiven Spleißarbeit. Gut ausgebildete Techniker sind hier der Engpass.
Praktisch sind Reparaturen weitgehend bis zu Tiefen von rund 500 Metern Routine – dort spielen menschliche Einflüsse wie Schleppnetze und Anker eine große Rolle. Theoretisch sind Arbeiten bis etwa 1.500 Meter möglich, in der Praxis aber selten.
Verfügbarkeit der Flotten und logistische Hürden
Global stehen schätzungsweise 60 bis 70 Schiffe zur Verfügung, die Kabelarbeiten ausführen könnten; spezialisierte Wartungs- und Reparaturschiffe sind deutlich weniger, etwa 25 bis 30. Wie schnell ein Schiff losfährt, hängt von Vertragsbedingungen ab: Es gibt kollektive Wartungsvereinbarungen, aber auch private, schnelle – und teurere – Einsätze.
Geografisch sehen die Wartezeiten sehr unterschiedlich aus: Im Südpazifik können Reparaturen wegen großer Entfernungen und langwieriger Genehmigungsverfahren Wochen oder noch länger dauern.
Ursachen, Risikoabschätzung und politische Reaktionen
Weltweit treten jährlich rund 200 Schäden an Seekabeln auf. Etwa 70 Prozent lassen sich auf Fischerei oder Anker zurückführen; weitere Ursachen sind Seebeben, Erdrutsche, Baggerschäden oder Materialermüdung.
Industrievertreter betonen, dass Netzarchitekturen Ausfälle meist kompensieren können. Sicherheitsbehörden und Staaten fragen dagegen, wie resilient diese Systeme im Konfliktfall wären. Historisch wurden Kommunikationsleitungen früh zu Kriegszielen, und dieses Risiko wird in Szenarien mit großskaligen Auseinandersetzungen wieder mitbedacht.
In manchen Regionen fällt zudem ein auffälliges Muster auf: Wiederholte Schäden ähnlicher Art bei Schiffen aus bestimmten Häfen erhöhen den Verdacht, dass nicht immer rein zufällige Unfälle vorliegen. Solche Analysen bleiben allerdings komplex und erfordern mehrere Datenquellen.
Schutzkonzepte jenseits von Militärpräsenz
Die Diskussion um Schutzmaßnahmen konzentriert sich oft zu sehr auf sichtbare Militäraktionen. Effektiver ist ein Bündel aus Maßnahmen: verbesserte Landstationen, mehr Reparaturschiffe, Lager für Ersatzkabel, schnellere Genehmigungsverfahren und bessere Überwachung.
Im Zentrum steht vor allem die Redundanz. Betreiber vereinbaren oft wechselseitige Durchleitungsrechte und bauen Netzarchitekturen so, dass Ausfälle umgeleitet werden können. Zudem sind technische und wirtschaftliche Abwägungen entscheidend: Tieferes Vergraben oder zusätzliche Armierungen erhöhen die Kosten deutlich.
Zur Attribution und Abschreckung können Sensortechnik und Datenfusion beitragen: spezielle akustische Detektoren in Kabeln, Kombinationen aus Satellitendaten, AIS-Schiffsdaten und Bodensensoren schaffen bessere Nachweislagen. Im offenen Konflikt allerdings nützt auch die beste Überwachung wenig, wenn Angriffe koordiniert erfolgen.
Was bedeutet das für Nutzer und Politik?
Für die breite Öffentlichkeit ist wichtig: Einzelne Kabelschäden führen nicht automatisch zu einem großflächigen Internetausfall. Die wirkliche Schwachstelle sind jedoch langfristige, koordinierte Angriffe oder strukturelle Einseitigkeiten in der globalen Kabelinfrastruktur.
Politisch und wirtschaftlich geht es daher um zwei Dinge: kurzfristig schnellere Reaktions- und Reparaturkapazitäten, langfristig aber um Diversifizierung der Routen und mehr **Resilienz** in Netzarchitekturen. Nur so lassen sich Versorgungssicherheit und digitale Souveränität stärken.
Die aktuelle Wiederveröffentlichung dieses Interviews soll nicht nur erklären, wie Unterseekabel repariert werden, sondern auch dazu anregen, über präventive Maßnahmen und strategische Konsequenzen nachzudenken — sowohl im zivilen Betrieb als auch auf staatlicher Ebene.












